Demnjanjuks ist endlich in Deutschland angekommen.
Und jetzt? Wie soll es weiter gehen?
Es ist eine Frage, die bereits drei Generationen betrifft.
Was machen wir mit solchen Menschen, die damals Millionen Menschen getötet haben und bis heute unbestraft davon gekommen sind?
Damals war in der DDR die Faktenlage klar. Die BRD ist ein Staat der Faschisten.
Immerhin sind bis heute Nazigrößen unter uns in unserer demokratischen Mitte.
Sie gingen nach dem Krieg normalen Beschäftigungen nach. Sie wurden Prokuristen oder Lagerarbeiter. Aber trotzdem waren und sind sie noch immer unter uns. Trotz ewig langen Abschlusses dieses Problems. Es gibt kein Ende dieser Problematik.
Meine Generation sieht das wahrscheinlich so ähnlich wie ich.
Wie soll man richten? Wie soll man verurteilen?
Wie soll man diese Menschen in unserem heutigen System bestrafen?
Die wahrscheinlich spannendste Frage ist: Wird er denn manchmal wenigstens heimgesucht von den Toten? Träumt er wenigstens Nachts von den Dingen die er getan hat? Gibt es da Reue?
Es ist ein unvorstellbarer Gedanke, ein Mensch verantwortlich für zig tausend Tote. Für Menschen, die auf brutalste Art und Weise sterben mussten, weil sie eben nicht in das Bild reinpassten.
Es tauchen immer wieder Zeitzeugen auf. Noch. Es sind die letzten, die von ihrem Erlebnissen berichten können. Wenn man sich jedoch ernsthaft versucht in die Situation hineinzuversetzen, wird einem schnell bewusst, wie zweckunmäßig das eigentlich ist. Ich kann es mir nicht vorstellen.
Ich gebe zu, der Besuch von Auschwitz hat mich geschockt. Ich will seit diesem Tag weder etwas hören vom Dritten Reich noch darüber nachdenken. Ich wünschte mir, es wäre Geschichte, denn manchmal sehe ich im Traum Bilder von diesen jungen Menschen, obwohl ich doch gar nicht dabei war. Und solch ein Mörder, was denkt er? Ist das so eine Art Jugendsünde? Na er war halt noch jung. Ich kann verstehen, dass Menschen sich verleiten lassen haben, dieses System zu unterstützen. Ich kann sogar nachvollziehen, dass sie dies in der DDR wiederholt haben und Feindbilder im Kopf geschaffen haben. Was ich jedoch nicht verstehen kann ist, wie man wirklich sich nicht selbst umbringen konnte und die ganze Zeit mit dieser Gewissheit leben konnte, so viele Menschen umgebracht zu haben. Es ist auch nicht wie bei Mörder, die Krank im Kopf sind. Ich denke, dass diese Menschen der Gestapo, SS und Co. von ihrem Handeln überzeugt waren, klar im Kopf, kalt und berechenbar. Ich stehe jetzt als eine der zweiten Generation nach dem Krieg vor diesen Menschen und überlege mir, was ich für sie empfinden soll. Eigentlich nur Trauer. Trauer für die Toten, Trauer für das Verbrechen und Trauer für diejenigen, die damals bewusst etwas grausames getan haben.
Ich hoffe für die Zukunft und vor allem für die zweite Generation nach mir, dass sie dieses Thema in der Geschichte als etwas unwahres wahrnehmen können. Als etwas, was sie sich nie wieder vorstellen können. Ich hoffe für die Zukunft, dass Menschen aus Polen, Ukraine und Deutschland Freunde sind, dass es keinen Hass gibt.
Was nützt mir eine Zukunft in die man hasserfüllt schaut.
Ich fordere deswegen in Namen meiner Generation auf, liebe Elterngeneration kümmert euch gefälligst darum, dass wir stolz sein können auf euch, dass wir nicht so wie 1968 auf die Straße gehen müssen, dass ihr unsere Zukunft hoffnungsvoller macht.
Ich wünsche mir ein Stückchen weit den Frieden